die indische Affenfalle und der Baum der Entscheidungen

Ob sie in der Realit├Ąt funktionieren w├╝rde, dar├╝ber d├╝rfen sich die Gelehrten streiten, bekannt wurde sie durch die als Roman gestaltete Tour-de-force durch die Philosophie „Zen und die Kunst, ein Motorrad zu warten“ von Robert M. Pirsig (1974). Eine hohle Kokosnu├č mit einem Loch in der Schale, an einem Pfahl oder Baum festgebunden, durch das gerade mal eben die ausgestreckte Hand eines Affen passt. In der Kokosnu├č eine Handvoll Reis, die der hungrige Affe sich gerne holen w├╝rde. Aber sobald er seine Faust um den Reis schlie├čt, passt sie nicht mehr durch das Loch und er ist gefangen. L├Ą├čt er den Reis los, ist er frei . . .

Methusalem-Korkeiche in Portugal
Methusalem-Korkeiche in Portugal

Ein sch├Ânes Bild daf├╝r, da├č wir alle Gefangene unserer W├╝nsche und Begierden sind. In der Regel zwingt uns niemand mit vorgehaltener Waffe zu unserem Leben, auch eine Peitsche werden wohl wenige von uns zu sp├╝ren bekommen. Wir selbst w├Ąhlen uns unser eigenes Gef├Ąngnis. Die Freiheit auf der anderen Seite bleibt aber auch nur eine Worth├╝lse, wenn wir nicht die Frage stellen: frei zu was?

Was wollen wir also haben, noch wichtiger, wer und was wollen wir sein? Und was ist uns wichtig, wert genug, um Einschr├Ąnkungen unserer Freiheit aufzuwiegen? Welchen Weg wollen wir gehen? Jede Entscheidung, die wir treffen, ├Âffnet auf der einen Seite einen Raum der M├Âglichkeiten, in dem und in den wir uns entfalten k├Ânnen, in dem aber auch Risiken und Gefahren lauern k├Ânnen. Auf der anderen Seite lassen wir Abzweigungen hinter uns, die in Gegenden f├╝hren, die uns vielleicht f├╝r immer unbekannt bleiben werden.

Stellen wir uns einen Baum vor, fangen mit unserer Betrachtung unten an, am Stamm. Wenn wir unseren Blick nach oben gleiten lassen, sto├čen wir auf die erste Gabelung. Sehen wir sie als eine Entscheidung, links oder rechts? Immer weiter lassen wir uns f├╝hren, folgen dem Weg der Gabelungen und Verzweigungen, vom Stamm zum Ast, zum ├ästchen, zum Zweig, zu Blatt oder Nadel. Jede Entscheidung eine Richtungs├Ąnderung, bestimmend daf├╝r, wohin sich unser Leben entwickelt. Jede Entscheidung in der Vergangenheit eine Erkl├Ąrung f├╝r den Punkt, an dem wir in der Gegenwart sind, jede aktuelle Entscheidung (und nur in dieser Gegenwart haben wir eine Wahl) eine Tendenz f├╝r die Richtung, in die sich unser Leben entwickeln wird.

An jeder Gabelung, jeder Verzweigung m├╝ssen wir uns entscheiden, in welche Richtung wir uns auf dem Weg zum Licht bewegen wollen. Auf dem Weg dahin m├Âgen sich ├äste kreuzen, Zweige von verschiedenen ├ästen den von Ihnen beanspruchten Raum durchdringen, aber nie wird ein Zweig am selben Platz eines anderen sein. Jede Verzweigung bestimmt den Raum, den sich der Zweig erobert. Ziel ist immer das Licht, die Energie zur Photosynthese.

Schlie├čen wir zur├╝ck auf den Menschen, uns selbst. Jede Entscheidung, kleine oder gro├če, hat Einflu├č auf den Weg, den unser Leben nimmt. Nicht nur im ├äu├čeren, dem Weg in unserer Gesellschaft, in Beziehung oder Karriere, auch in unserem Inneren, im Kern unseres Denkens, unserem Gehirn. Je nach dem, mit was wir uns besch├Ąftigen, verkn├╝pfen sich Neuronen zu Netzen, zu R├Ąumen, in denen Wissen und Erfahrung nicht nur statisch aufbewahrt, sondern dynamisch entwickelt wird. Je komplexer diese Netze gekn├╝pft werden, desto mehr neue Erkenntnisse k├Ânnen an die Knotenpunkte angeheftet werden.

Ob wir uns mit dem Programmieren von Computern, dem Reparieren von Motorr├Ądern oder Autos, der Erziehung von Kindern, der Politik oder der Entwicklung von Aktienkursen besch├Ąftigen, unser Gehirn entwickelt dazu die n├Âtigen Netze, um das ben├Âtigte Wissen zu ordnen und zu kanalisieren, wenn n├Âtig zu immer komplexeren Strukturen und Zusammenh├Ąngen. Individuell f├╝r jeden von uns nach den jeweiligen Bed├╝rfnissen.

Je nach dem, mit was wir unser Gehirn f├╝ttern, entwickeln sich unsere F├Ąhigkeiten, oder sie stagnieren oder degenerieren sogar. Wer seinen K├Ârper mit Fastfood m├Ąstet, mag zwar an Gewicht zulegen, tut damit aber nicht notwendigerweise etwas f├╝r seine Fitness. Ges├╝nder ist allemal eine abwechslungsreiche, m├Âglichst naturbelassene Kost und weniger S├╝├čkram. Dazu ausreichend Bewegung. Auch das Gehirn, auch der Geist entwickelt sich bei weitem besser mit m├Âglichst abwechslungsreicher Kost aus unterschiedlichsten Wissensgebieten, und sehr viel weniger Fastfood aus dem, was uns aus Unterhaltungsmedien und Computerspielen vorgekaut dargereicht wird. Und auch dem Gehirn tut Bewegung gut, immer mal wieder neue Inhalte. Die Hirnschale ist schlie├člich ann├Ąhernd rund, damit das Denken seine Richtung wechseln kann!

Zur├╝ck zu unserem Baum der Entscheidungen. Bis jetzt haben wir das betrachtet, was vom Stamm aus nach oben ragt, zum Himmel, zum Licht. F├╝r uns unsichtbar und in der Regel unbeachtet erstreckt sich unterirdisch noch ein viel weiteres und komplexeres Netz, das der Wurzeln, mit dem der Baum lebensnotwendiges Wasser und Mineralien ansaugt. Dazu geht er sogar Symbiosen ein mit Bakterien, Pilzen und Insekten. Sowohl hier wie auch im Dickicht der Zweige und Bl├Ątter steht der Baum jederzeit im regen Austausch mit seiner Umgebung, mit Welt, mit Universum.

Die meisten Menschen sind sich nicht dessen bewu├čt, wie sehr ihre Welt, ihr Wissen um die Welt, von vielen tausenden Generationen unserer Vorfahren erarbeitet worden ist, seit die Menschheit von den Savannen von Afrika aus sich ├╝ber den Erdball ausgebreitet hat. Wir stehen nicht nur auf den Schultern von Giganten, wie Isaac Newton das einmal in einem Brief an Robert Hooke ausgedr├╝ckt hat. Wir profitieren von einem Wissen, das Millionen l├Ąngst zu Staub zerfallene Menschen uns hinterlassen haben.

Wir selbst, jeder von uns, sollte sich sowohl der Resourcen des weit verzweigten Wurzelnetzes als auch des offenen Raumes der M├Âglichkeiten der Baumkrone bewu├čt sein, um f├╝r uns selbst und auch unsere Mitmenschen Entwicklungsm├Âglichkeiten zu erschlie├čen.

Sinn macht Freude!